Herta Tiedemann: 100 Jahre und noch kein bisschen müde

 

Haus LebensWertPflegedienstleitung und Mitarbeiter aus dem „Haus LebensWert“ freuen sich mit Jubilarin Herta Tiedemann. Auch sie lauschen gerne den Geschichten der Hundertjährigen, wenn es ihre Zeit im Pflegealltag erlaubt. (Foto: privat)

Elegant gekleidet und wachen Blickes erwartet mich Herta Tiedemann in ihrem stilvoll eingerichteten Zimmer der Senioreneinrichtung „Haus LebensWert“. Blumen und Präsente füllen Tisch und Vertiko. Was ihr Geheimnis ist, möchte ich wissen. Wie ist es möglich, 100 Jahre alt zu werden und dabei körperlich und geistig so vital zu sein?  Es sei vor allem die klassische Musik von Beethoven und Liszt gewesen, die ihr stets geholfen habe, schlechte Gedanken zu überwinden, schwere Zeiten zu bestehen und stets zum inneren Frieden zurückzukehren. Schon in ihrem Elternhaus wurde gemeinsam mit ihren fünf Geschwistern viel gesungen. Dabei ist ihr vor allem die Stimme ihrer Großmutter noch heute im Ohr, die ein so  wunderbar klares hohes C singen konnte.

Ich bekomme die Möglichkeit, in ein aufregendes Leben einzutauchen, erzählt von einer Hundertjährigen, die mit Daten und Jahren jongliert, über die ich nur staunen kann; die bei ihren spannenden Erzählungen zwischen norddeutschem Platt, Hochdeutsch und fließendem Englisch wechselt und sich dennoch hin und wieder entschuldigt, nicht gleich auf diesen oder jenen Namen zu kommen.
Weil einer ihrer Brüder einen Kredit von 150 Reichsmark aufnahm, um ihr die Ausbildung in der Handelsschule zu ermöglichen, blieb der intelligenten, jungen Frau aus dem deutschen Norden die Anstellung als einfaches Hausmädchen erspart. Und so begann die 17-jährige Herta im April 1936 als gelernte Stenokontoristin in einer großen Hamburger Firma zu arbeiten. Der Krieg veränderte alles. Sie musste in einem Volkswagenwerk arbeiten, in dem Kübelwagen produziert wurden. Eine Rippenfellentzündung – als Folge der zu feuchten Unterkunft im Ledigenheim – bewahrte sie vor weiterer Arbeit am Band. Sie wurde dienstverpflichtet als Nachrichtenhelferin der Wehrmacht. Ihr Weg führte sie zunächst nach Norwegen, später nach Italien, wo sie im Mai 1945 in Südtirol in amerikanische Gefangenschaft gerät. Ihre Erlebnisse in dieser Zeit sind unvorstellbar grausam. Als Herta Tiedemann im September 1945 in einem Güterzug auf dem Weg nach Schleswig-Holstein in ein Arbeitslager ist, gelingt ihr die Flucht. Herta geht nach Hause zu ihren Eltern nahe Hamburg.

Als einstige Wehrmachtsangehörige und in den Augen vieler eine Nazisympathisantin, wurde sie vom Arbeitsamt nach Kriegsende verpflichtet, in einer von den Engländern besetzten Kaserne zu arbeiten und Kartoffeln zu schälen. Ein Offizier wurde auf sie aufmerksam, erkennt ihre Fähigkeiten und übergibt ihr schon bald die Leitung des Küchenbüros. Selbst als die Engländer die Kaserne verließen, besucht Herta weiter die Abendschule, um ihr Englisch zu verbessern. Dieser Sprachvorteil trägt dazu bei, dass sie eine Anstellung beim englischen Geheimdienst in Oldenburg bekommt, später in einer großen, englischen Fabrik für Flugzeugmotoren in Osnabrück angestellt ist und zum Arbeiten für zwei Jahre nach London geht.

Doch Herta ist ein Unruhegeist und folgt der Einladung ihrer Schwester nach Amerika. Nach der 9-tägigen Überfahrt stand sie schließlich auf einer Straße in Milwaukee und konnte es kaum ertragen. Sie, das sittsame Mädchen, mit fast vierzig Jahren noch immer jungfräulich wartend auf den richtigen Mann in ihrem Leben, fühlte sich bedrängt und verängstigt und ist sich bis heute sicher, dass Amerika nur im Auto zu ertragen sei. Nach einer kurzen, arbeitsreichen Zeit im „Boston Store“, in dem sie Sandwiches und Kaffee ausgibt, kehrte sie dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten den Rücken  und kam Weihnachten 1957 nach Deutschland zurück.

Ein Zufall wollte es, dass sie von einer Prüfung für Angestellte im Staatsdienst erfuhr. Keine schlechte Vorstellung, verfügte doch das Präsidium der Kriminalpolizei über eine eigene Kantine im 21. Stock und vergab Parkplätze an die Mitarbeiter. Vor der Prüfung habe sie keine Angst gehabt, nur vor Mathematik, da sei sie schon immer ganz schlecht gewesen. Herta Tiedemann schmunzelt, denn die Zahlen-Aufgaben versah sie mit humoristischen Bemerkungen ohne rechnerisches Ergebnis, schrieb allerdings gleichzeitig einen beeindruckenden Aufsatz zum Thema Brücken und was sie im Leben eines jeden einzelnen bedeuten können. Das beeindruckte den Prüfer; sie wurde angenommen.

Männern gegenüber habe sie sich schon immer eher verschlossen. Für sie kam nur der eine in Frage, der es vermochte, ihren Geist und Intellekt anzusprechen. Und als sie mit 40 Jahren nun Staatsangestellte wurde, vermochte es endlich der eine, ihr Herz und ihren Verstand zu erobern: ein stattlicher Kriminal-Hauptkommisar.
Beiden waren nur 25 gemeinsame, aber wunderbare Jahre vergönnt. Herta Tiedemann ging nach seinem Tod 1985  in Pension, verkaufte das Haus auf dem Land und nahm sich eine Wohnung in Hamburg. Noch einmal wurde ihr später das Glück zu teil, einen höchst anständigen Mann zu finden, wie sie ihn beschreibt; 2009 verstarb aber auch er. Herta war wieder allein. Doch sie hatte Freunde gewonnen, die sie bereits nach dem Mauerfall auf einer Busfahrt kennenlernte, ein Ehepaar aus Meiningen. Eine tiefe Freundschaft entstand, aus der in all den vergangenen Jahren zahlreiche Besuche und Gegenbesuche resultierten. Noch im Alter von 93 Jahren fuhr sie selbst ihre Gäste mit dem Auto durch ihre norddeutsche Heimat, um sie ihnen nahe zu bringen. Heute hat sie die beiden ganz nah bei sich. Sie wohnen fast vis-à-vis der Senioreneinrichtung, in der Herta Tiedemann seit 2014 lebt. Sie besuchen sie, so oft es ihnen möglich ist und gerade als sie von ihnen spricht, öffnet sich  die Tür. Die Einkaufsliste mit kleinen Wünschen liegt bereit.

Wie sie die Tage verbringt, möchte ich gerne wissen. Noch heute singe sie gerne und stimmt sogleich ein altes Wanderlied für mich an. Ich staune, denn sie ist textsicher weit über die erste Strophe hinaus... „ein Sträußchen am Hute, den Stab in der Hand…“ Als Mitglied eines Leseklubs kann sie die neuen Ausgaben kaum erwarten, sie stöbert in ihren Foto-Alben, hält ihren Geist mit Rätselraten fit. Oft hört man sie auch auf der alten Schreibmaschine tippen. Zudem beschäftigt sie sich gerne mit der Edda, der nordgermanischen Religion, der sie einzig Glauben schenken möchte und mir sogleich anbietet, eine Kopie zu fertigen.

Sie ist die einzige ihrer Familie, die noch in Deutschland lebt. Und nachdem sie so viel in der Welt herumgekommen ist, frage ich sie, wo es ihr denn am besten gefallen habe. Sie nimmt ihre Brille ab und legt schmunzelnd die Hände in ihren Schoß. Ordnung und Vernunft habe sie nur in Deutschland gefunden. Und derjenige, in dem die Musik von Johannes Brahms schwingt und der alte deutsche Geist wohne, der fühle sich niemals anderswo zu Hause. (Susanne Klapka)

Herta Tiedemann

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 Herta Tiedemann erwartet mich zum Interview und erzählt mir ihre beeindruckende Geschichte, von der ich leider nur Auszüge wiedergeben kann. Es bräuchte ein Buch, um alles aufzuschreiben. (Foto: skl)

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